Voll daneben

Autorin/Foto: Kathrin Richter, 30.04.2018

Von Hundetrainern, die die Welt nicht braucht!

Zweifelhafte Ansagen und gesellschaftliche Zwänge

Ich habe einen Welpen vom Züchter – alle sagen:
Geh in die Hundeschule damit der Hund was lernt!
Oder: Hol Dir einen Hundetrainer, damit der Dir sagt, wie Du Deinen Hund erziehen musst!
Ich übernehme einen Hund aus dem Tierschutz, alle sagen:
Hol Dir einen Hundetrainer, damit der Dir zeigt, wie man mit einem solchen Hund umgeht und ihn erzieht!
Mein Hund zieht an der Leine, knurrt andere Hunde und Menschen an, alle sagen:
Er hat ein Aggressionsproblem, such Dir einen spezialisierten Hundetrainer!

Medien, Internet, Bekannte versenden permanent die Botschaft: Nur mit einem erzogenen Hund bestehst Du in dieser Welt und nix geht mehr ohne Hundetrainer!

Niemand glaubt, dass ich allein fähig bin, bei meinen früheren Hunden war ich´s!
Niemand sieht das Gute in meinem Hund, alle sehen nur eventuelle Probleme!
Niemand spricht über die Gefühle meines Hundes!
Niemand sagt mir, dass mein Verhalten das Verhalten meines Hundes beeinflusst.

Miese Hundeversteher und Wichtigtuer

Derer, die sich Hundetrainer nennen, gibt es viele! Manche nennen sich auch Hundepsychologen, oder Coaches, fast jeder hält mir sein 11er Zertifikat entgegen!
Er darf mich anleiten, meinen Hund zu erziehen, auszubilden, die Methode ist nebensächlich!
Er darf selbst Hand an meinen Hund anlegen, wenn er meint, ich könne es nicht!
Er darf für mich denken!
Er darf Ängste schüren, mein Hund könne Schaden anrichten, ich könne ihn verlieren!
Ich will und muss ihm glauben, weil alle einem Hundetrainer glauben!
Er hat Ahnung! Er ist ausgebildet! Er weiß Bescheid!
Wovon hat er Ahnung? Worin ist er ausgebildet und von wem? Worüber weiß er Bescheid?
Was ich sehe und höre sind verschiedenste Methoden, jede ist für sich die Beste, die Einfachste, die Schnellste!
Rangordnung, Impulskontrolle, Begrenzung, Konditionierung, Reizschwelle, Umlenkung, Verstärker, Marker … ich werde mit hochwissenschaftlichen Erklärungen zu Begrifflichkeiten, die ich noch nie in Zusammenhang mit meinem Hund benutzt habe, bombardiert oder ich werde mit alten wieder gefundenen Weisheiten zugetextet!
Alles hört sich lehrerhaft wichtig, modern und absolut notwendig an! Ich fühl mich noch unsicherer, unwissender und dümmer als vorher! Das was ich denke und fühle ist unwichtig, ich schalte ab und ich glaube weiter …

Ich mache das, was alle tun – ich gebe meine Verantwortung ab, gebe mich meiner  Bequemlichkeit hin, nicht selber denken und agieren zu müssen.

Mein Hund schaut mich an, fragend, vertrauend – immer wieder, ich schaue weg, wiege mich in den richtigen Händen, da müssen wir durch!
Meine Gefühle werden abgestumpft, ich werde blind für die Bedürfnisse meines Hundes! Mir erscheint wichtig, was andere mir sagen – die Symptome müssen wegtrainiert werden, der Hund muss funktionieren!
Ich wechsle den Trainer, weil potentielle Freunde mir den anderen empfehlen und ich werde blinder und blinder!
Nun nach dem 5. Hundetrainer bin ich mit meinem Latein am Ende, ich bin nur noch ein Wrack und mein Hund sowieso!
Ich sehe nur noch Probleme, Probleme, Probleme!
Ich habe viel Geld investiert, meine Familie und ich selbst musste die ganze Zeit zurückstecken wegen dem Hund, der dazu noch ständig krank ist.
Ich weiß nicht mehr weiter.

Geschichten, ähnlich oder genauso, lesen oder hören wir jeden Tag.

Wie konnten Mensch und Hund nur Jahrtausende lang nebeneinander leben und wachsen, ganz ohne Hundetrainer. Wie konnten Millionen von Hundehaltern ihre Hunde händeln, bevor es Hundeverhaltenstherapeuten gab?

Vom Welpen an - Hundetraining als Geschäft

Hundetrainer machen uns glauben, dass Welpen so früh wie möglich so viel wie möglich lernen müssen!
So wird der kleine Hund von Beginn an in diversen Kursen mit Einflüssen überfordert, Distanzen werden überschritten! Das viel zu viel erzeugt gestresste krankheitsanfällige Junkies, die nur durch weiteres Training zu Ruhe gebracht werden sollen oder durch Training weiterhin beschäftigt werden müssen, natürlich sinnvoll und artgerecht und selbstverständlich weiterhin unter Anleitung eines Hundetrainers!
Ob kleiner oder großer Hund, Training müsse sein, nur so könne ein Hund was lernen, nur so könne man einen funktionierenden Musterhund erschaffen, wie die Gesellschaft ihn haben möchte!
Im Namen der so genannten Auslastung werden Beschäftigungen ein Hundeleben lang angeboten, die an des Menschen schlechtes Gewissen appellieren: Nur wer seinen Hund genügend beschäftige habe einen zufriedenen Hund! Ganz clever wird da mit des Menschen Ego gespielt – höher schneller weiter, mit einem Hund, der was kann, ist man angesehen und wer sich mit anderen messen kann steht gut da!

Wenn Training versagt - Null Gespür für Hunde mit Vergangenheit

Ein Hund mit einer (Tierschutz) Vergangenheit trägt ein großes Paket mit sich herum – dass muss ich als sein neuer Mensch wissen, annehmen und respektieren!
Er kommt zu uns, hat durch den Ort- und Kulturwechsel keine Ahnung, kein Handwerkszeug wie er sich verhalten soll! Ganz oft leiden diese Hunde zusätzlich unter Verlassensängsten, weil sie schon mehrfach ihr zu Hause, ihren sozialen Halt verloren haben!

Der Hundetrainer rät zu Boxentraining, damit der Hund zur Ruhe komme und nix im Haus zerstöre. Ein Hund, der jahrelang die Freiheit der Straße genoss wird zwangseingesperrt oder/und ein Hund, der über eine lange Zeit zumeist unter katastrophalen Bedingungen in Zwingern sein Dasein fristete, wird nun erneut gefangen gehalten! Anstatt ihm Zeit zu geben, ihm mit Verständnis und Geduld zu begegnen, ihn ankommen und lernen zu lassen, wird vermittelt, dass man diesen Hund so rasch wie möglich in die Schablone: „Vorzeigehund“ pressen muss!

Der Besuch einer Hundeschule steht dann als nächstes auf dem Programm! Da wird ganz schnell mal geraten, seinen Hund mal eben auf den Rücken (Alphawurf) zu schmeißen, damit der gleich kapiert, wer das Sagen hat! Von Dominanz ist die Rede und von Rudelführung! Der Hund soll umgehend lernen, wie man sich seinem Menschen unterordnet und gehorcht sowie mit anderen Hunden klar kommt! Klappt das nicht schnell genug, dann wirft man auf Anraten des Hundetrainers schon mal mit Schüttelboxen, klapperndem Metall oder spritzt mit Wasserflaschen, um ein falsches Verhalten zu unterbrechen und um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken!

Traumatische Erlebnisse gesellen sich zu den schon existenten hinzu. Dazu kommen zumeist Umwelterfahrungsprobleme, s.g. Deprivationsprobleme, die den Hund in seinem Verhalten hemmen, weil ihm schlichtweg diese Erfahrungen aus unserer, jetzt seiner neuen, Umwelt und daraus erlernte Strategien fehlen!

Je mehr Strategien ein Hund zur Verfügung hat umso besser kann er ein Problem lösen! Aber was, wenn er aufgrund von Deprivation = Mangel in seinem bisherigen Leben keine lernen konnte? Und nun wird dazu durch eine falsche Traineransage ein zusätzliches Trauma erzeugt! Der Hund kann Probleme schlecht lösen, weil ihm das Werkzeug fehlt und nun steckt er durch zusätzliche traumatische (Alphawurf-Box-Wasserflasche) Erfahrungen in der Situation fest!

Für jedes Problem ein Experte

Reagiert er dann noch mit Leine ziehen, weil er nicht mehr weiß wohin, weil ihm alles zu viel ist knurrt und bellt er andere Hunde sowie Menschen an, dann gilt er zusätzlich noch als (angst)aggressiv!

Dafür gibt es dann ganz bestimmte Hundetrainerexperten, die ihm einen Maulkorb anlegen, weil er sich ja wehren könnte gegen ihre Methoden!
Er wird zu fremden Hunden in eine Gruppe gesteckt, damit er sich diesen stellt und Sozialverhalten lerne, welches er eigentlich durch seine Erfahrungen beispielsweise auf der Straße besitzt, im Moment jedoch durch sein Trauma nicht leisten kann!
Er wird gemobbt, reglementiert, ist wehrlos!
Andere lassen ihn der Reizüberflutung massiv ausgesetzt – er soll sich gewöhnen, da muss er durch und er erstarrt weiter, weil alles zu viel ist!
Wieder andere legen ihm ein Würge-, Stachel- oder Elektrohalsband an und würgen und zerren daran, nehmen ihm die Luft zum Atmen, seine Todesängste vertiefen sich bis zur Selbstaufgabe.

Das Vertrauen in seine Menschen hat dieser Hund schon lange verloren, sie überlassen ihn diesen fremden Menschen, fremden Hunden, unübersehbaren Situationen, sie lassen ihn allein!

Die Menschen vertrau(t)en geprüften Hundetrainern und die Hunde vertrau(t)en ihren Menschen!
Wir Menschen können uns entscheiden, ob wir Hilfe anfordern und auch von wem!
Wir können sehen, nachdenken, reflektieren und entscheiden!
Wir können unseren eigenen Weg wählen!
Ein Hund kann das nicht, er ist uns Menschen „ausgeliefert“!

Was in uns steckt – das Elterngen

Würden wir die Erziehung unserer Kinder anderen überlassen?
Verhalten wir uns doch wie Eltern!
Sehen wir die Entwicklung und Erziehung unserer Hunde wie die unserer (Klein)Kinder mit dem Unterschied, dass unsere Kinder eines Tages auf eigenen Beinen stehen, während unser Hund immer in unserer Verantwortung verbleibt!
Verfügen wir über das nötige Selbstvertrauen, machen uns frei von dem Besserwissen aller anderen und gesellschaftlichen Zwängen, stehen zu unserem Hund, zu unserer Meinung, zu unserem Bauchgefühl, welches nur wir für unseren Hund, unsere Familie haben können, weil wir täglich unser Leben miteinander teilen!
Wir sind die Experten für unseren Hund, niemand anderes, auch wenn er noch so (alt)klug daherkommt!

Wir nehmen den Hund so an, wie er ist und richten unser Leben danach ein!
Wir unterstellen ihm weder Machtansprüche noch böswillige Aggression!
Wir sehen, fühlen und übernehmen die Verantwortung – für das ganze Hundeleben!
Wir respektieren und agieren mit Geduld und Verständnis!
Wir lieben, denken und handeln mit dem Herzen und dem Verstand!
Wir hören auf unseren Bauch, auf unsere innere Stimme!
Wir lernen aus Fehlern und wachsen mit unserem Hund!
Wir unterstützen, führen und leiten an!
Für all das benötigen wir kein Hundetraining, keinen Hundetrainer!

Es gibt sie,

.... wenige nur, die als Hundetrainer wirklich Hilfe zur Selbsthilfe anbieten – ich kenne eine Hand voll … Wenn wir in uns selbst gefangen sind, das „Elterngen“ tief in uns verborgen scheint, dann schieben sie unser Denken und Tun an, behalten dabei immer das Wohl des Hundes im Auge! … und nur darum sollte es einem Hundetrainer gehen und nicht um die Dressur und Kontrolle eines gesellschaftlich geforderten funktionierenden Vorzeigehundes!

Kathrin Richter, April 2018

Kathrin Richter


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Vita

Aufgewachsen in einer Familie mit Schäferhunden (Zucht, Ausbildung) züchtete sie später selbst Deutsche Schäferhunde und bildete die Hunde aus. Über viele Jahre leitete sie einen eigenen Verein und war dort verantwortlich für verschiedene Sportarten. Noch während der tierpsychologische Coachingausbildung gründete sie die Privatinitiative Pfotenpenne. Das Vierbeinerforum Rostock mit einem jährlichen wissenschaftlichen Symposium folgte.
Kathrin ist verheiratet und hat 2 erwachsene Kinder!
In ihrem Haushalt leben immer mehrere Hunde verschiedener großer und kleiner Rassen und 2 Katzen. Außerdem gehören zu ihrer Familie eine kleine Schafherde und weitere Haustiere.