Der schönste Mensch der Welt

Autor/Fotos: Andrea Krauskopf, April 2018

In einem Haushalt mit über 10 eigenen Hunden sowie Pflegehunden, die bei Ihr "gesunden" können, hat die Autorin schon vieles gesehen und erlebt. 
Geschlagen, Geschunden, Verstümmelt - viele der Hunde in ihrer Obhut erfahren häufig zum aller ersten Mal Respekt und was es bedeutet, geliebt zu werden!

Diese Hunde sind alles andere als Vorzeigehunde, so wie unsere Gesellschaft sich einen solchen vorstellt ... und doch geben sie den Menschen so viel mehr!

Ich besuche nur selten mit einem unserer Hunde eine Hundezone und noch seltener lasse ich mich in eines der tiefgründigen Gespräche mit Hundehaltern verwickeln.

An diesem Tag brach ich mit beiden Regeln und so fand ich mich mit unserem American Bulldog Welpen Junior in einer Wiener Auslaufzone wieder.
Während Junior versuchte mit einer süßen kleinen Französin anzubandeln, verwickelte mich ihre Halterin in ein Gespräch, zeigte mir Babyfotos von ihrer Hübschen und war in ihrer Euphorie bezüglich Rassestandards und Stammbäumen kaum zu bremsen.
Ich fühle mich in die Schulzeit meines Sohnes zurück versetzt. In einen der von mir heiß geliebten Elternabende, wo man sich über Klavierstunden, Skikurse und gute Noten austauscht.
Tja was soll ich sagen, bei keinem der drei Themen konnte ich so richtig punkten und trotzdem hat mein Sohn seinen Weg gemacht und könnte eine stolzere Mutter nicht haben.

Und dann kam es, praktisch aus dem Nichts:
“Warum haben sie eigentlich diesen Hund gekauft. Er ist nicht hübsch, die Proportionen stimmen nicht. Der Schwanz ist viel zu lang…..“
Wumm! Das hatte gesessen. Und während ich mich noch vom ersten Schlag erholte setzt die nette Dame noch eins drauf:
“Kupieren wäre da eine Möglichkeit …..“. Ein schaler Geschmack macht sich im meinem Mund breit und ich überlege nach einer passenden Retourkutsche. Aber da plaudert sie schon wieder munter drauf los. Bald hätte ihre Sophie von ….. (ich hab´s doch glatt vergessen) ihre erste Ausstellung. Stehen müsse die Kleine üben, täglich ein paar Minuten, denn nur wer gut steht bekommt auch ausreichend Punkte vom Schönheitsrichter.
Mein Augenrollen merkt sie nicht, zutiefst ist sie in ihren Erklärungen vertieft.
Sie hat extra nochmals 500 Euro draufgelegt, um sich den Welpen ohne Makel zu sichern. Als passionierte Tierschützerin werde ich hellhörig! Welcher Makel? .. ein Auge, nur drei Beine ….. nein der schwarze Lidstrich war nicht durchgängig und das gibt schließlich einen Punkteabzug.
Ich bin nur selten um eine treffende Antwort verlegen, aber jetzt blieben mir die Wörter buchstäblich im Hals stecken. „Weg, nur weg….“, denke ich, während ich meinen kleinen hässlichen Hund mit dem viel zu langen Schwanz einsammle.
Erst im Auto sitzend, hole ich wieder tief Luft!
Und jetzt kommen sie - die Antworten, sie prasseln nur so in meinen Gedanken! Zurück und sie an die Frau bringen? Ich lasse es, es wäre pure Energieverschwendung.

Wir leben in einer Zeit in der super schlanke Models über den Laufsteg wanken und uns die allerorts präsente Werbung vierundzwanzig Stunden lang suggeriert, was schön und vorzeigbar ist.
Spätestens beim ersten Blick auf meine Waage weiß ich, dass ich diesem Schönheitsideal wohl kaum entsprechen werde.
Womit also punkten in der Gesellschaft, mit einem Doktor Titel, einem Magister oder doch nur mit der Tatsache, dass mich das Leben viel gelehrt hat?
Wer weder mit Schönheit noch mit Wissen punkten kann braucht Besitz. Ein riesiges Haus, einen Van Gogh an der Wand. Nur beides wartet nicht sehnsuchtsvoll auf mich, wenn ich abends allein nach Hause komme. Der Wunsch nach Liebe und Geborgenheit bleibt ungestillt. Und mal ehrlich, mein Bankkonto verrät mir, dass es wohl immer nur bei der Kopie des Van Gogh bleiben wird. Also muss etwas her, das vorzeigbar ist, das ich mir leisten kann und das meine innersten Wunsch nach Zweisamkeit erfüllen kann!
Was wäre da besser geeignet als des „Menschen bester Freund“, der Hund.
Einen Hund haben, das steht groß im Kurs, ……
Knapp 10 Millionen Hunde allein in deutschen Haushalten sprechen eine deutliche Sprache. Nicht weil wir den Hund um seinetwillen so schätzen, sondern weil er so viele unserer Bedürfnisse gleichzeitig befriedigen kann.
Für jeden Halter, für jeden Geschmack und für jedes Bedürfnis das passende Exemplar.

Wie es dem Hund dabei geht, ist nicht so wichtig, denn er liebt uns ja so wieso und wenn nicht bleibt immer noch der Weg in eines der vielen Tierheime. Für Nachschub ist gesorgt, vielleicht ist ja der nächste passender, kann passender gemacht werden.
Was gibt es schöneres als Paris Hilton-like mit einem Chihuahua in der Tasche durch das Einkaufszentrum zu prominieren, ein mit Strass besetztes Halsband, eine zum Kleid passende Hundetasche, ….. wo dem Hündchen sicherlich ein Stück Rasen und eine dreckige Pfütze viel lieber wären.

Der Tierschutzhund aus der Tötung, gerettet trotz seines Alters und seiner Hässlichkeit, wie könnte ein Gutmensch besser sein goldenes Herz offenbaren.

Wir präsentieren uns über unsere Hunde, leben über sie aus, was wir selbst nicht können. Manchmal zeigen wir auch Seiten von uns derer wir uns selbst gar nicht bewusst sind. Wir geben Geld aus, wo keines nötig ist, nur um unsere Hunde, und uns selbst ins bessere Licht zu rücken.
Die Wirtschaft reagiert, der Wirtschaftsfaktor Hund boomt, vom teuren Haarstylisten, über mit Edelsteinen besetzte Halsbänder bis zum eigenen Ernährungsberater, nichts was es nicht mehr gibt, …. außer ausgedehnte Spaziergänge im Wald und sich im Schlamm wälzen.

Auch wenn Halters Po nicht mehr wirklich aufs Fahrrad passt, zumindest sein Hund ist gertenschlank. Schließlich wird er mit teuren Light(marken)produkten gefüttert.

Zählte früher Loyalität und Gesundheit, so entscheidet heute ob der Punkt an der richtigen Stelle sitzt - der Lidstrich durchgehend ist. Vorzeigbarkeit um jeden Preis. Die kleine Französin Sophie hat schon jetzt einen solchen teuer bezahlt - sie kann nicht frei Atmen, die platte Schnauze ist dem Züchter wichtiger. Aber selbst das gilt unter den Liebhabern als chic, trifft man sich doch regelmäßig beim Tierarzt seines Vertrauens und leidet unter Gleichgesinnten mit seinem armen Tier.

Ein perfekter Vorzeigehund zu sein, ein breiter Spagat für ein Lebewesen, dem immer noch viele Menschen unterstellen, dass es weder fühlen noch denken kann, sondern rein instinktiv handelt.

Junior und ich lümmeln auf der Couch herum, erholen uns von unserem Ausflug in die Auslaufzone. Ganz dicht kuschelt er sich an. Zart streichle ich über sein weiches gestromtes Fell. In seinen Augen lese ich: "Du bist der schönste Mensch der Welt!"

Andrea Krauskopf


Den Traum vom eigenen Hund konnte sie sich erst im Erwachsenenalter erfüllen. Dass dann gleich drei Welpen aus dem örtlichen Tierheim bei ihr einzogen war wohl Schicksal.
Seit jener Zeit teilt sie sich, zusammen mit ihrem Lebensgefährten nicht nur Haus und Garten in der Nähe von Wien/Österreich, sondern das gesamte Leben mit mehr als 10 Hunden. Unzählige, oft als nicht vermittelbar geltende oder kranke, ja auch zum Tode verurteilte Hunde aus dem Tierschutz durften sie ein Stück oder den Rest ihres Weges begleiten. Als ausgebildeter körpersprachlich orientierter, ganzheitlicher Tiercoach nach P.&R ist es ihr erklärtes Ziel, Menschen und ihre Hunde einander näher zu bringen, das Verständnis für ihre gegenseitigen Bedürfnisse zu fördern und so den Weg zu einer harmonischen Beziehung zu ebnen.