Genau Hinschauen

Autorin: Ute Rott, April 2018 Fotos: Ute Rott

Von schier unerfüllbaren Erwartungen, Vorstellungen und Wünschen an einen (Vorzeige) Hund

Familie R. möchte einen Hund.

Sie haben gehört, dass Labradore wunderbare Familienhunde sind, also suchen sie verschiedene Züchter in der Nähe ihres Wohnorts auf, die gerade Welpen haben.
Die Vorstellungen der Familienmitglieder sind ziemlich unterschiedlich:

Mama möchte, dass er nicht allzu viel Arbeit macht und gut hört, Papa möchte abends mit ihm joggen, da er auf einen Marathon trainiert und Labis schließlich bewegt werden müssen, die Tochter träumt von einem tollen Agilityhund, mit dem sie mindestens deutsche Meisterin wird, und dem Sohn ist das alles egal, Hauptsache der Hund schläft bei ihm im Bett, was allerdings Mama nicht möchte wegen der dreckigen Bettwäsche und auch seine Schwester ist dagegen, weil das ja ihr Hund ist, und Papa will nicht, dass der Hund verweichlicht wird, und außerdem möchte der Sohn nur einen braunen Labi, Papa einen schwarzen aus einer Arbeitslinie, die Tochter einen blonden, weil ihre Freundin so einen hat, und Mama hat gehört, dass die grauen ganz modern und schick sind und die gibt´s auch nicht so oft, aber da weiß Papa, dass die sehr krank sein sollen.....

Sind Sie ein wenig verwirrt nach diesem Satz?
Kann ich verstehen. Wohlgemerkt, der Hund ist noch gar nicht ausgesucht, geschweige denn gekauft.
Und jetzt stellen Sie sich bitte vor, Sie sind der kleine Hund, der dann irgendwann gefunden wird und allen diesen Anforderungen gerecht werden soll. Falls Sie jetzt denken, das ist eben typisch für diese Spacken, die immer zum Züchter rennen, wer sich einen Hund aus dem Tierschutz holt, der macht das ganz anders, muss ich Sie enttäuschen.
Nach wie vor müssen viele Hunde aus dem Tierschutz auf alle Fälle dankbar sein und ganz sicher müssen sie sich sofort optimal in unseren Alltag einordnen, eine großartige Bindung zu ihrem Retter aufbauen. In ein heimisches Tierheim gehen wir auf gar keinen Fall, weil da sitzen sowieso nur gestörte Hunde, die erst mal den Wesenstest machen müssen. Nein, wir holen uns einen aus dem Ausland, die sind ja auch total sozialverträglich und unkompliziert im Umgang mit allen Hunden und vollkommen gesund, denn das weiß man ja, dass sich da nur die gesündesten fortpflanzen. Und super wäre es, wenn es noch ein Herdenschutzhund - liebevoll Herdi genannt - wäre, oder wenigstens ein Herdimix, womöglich einer, der irgendwie so ein bisschen missbraucht und geschunden wurde, dann kann man nämlich mal zeigen, was für ein irres Potential man als Hundemensch und Therapeut für traumatisierte Hunde so in sich hat.
Was ich hier geschildert habe, sind - Gott sei Dank - Extrembeispiele, die aber jede Hundetrainerin so oder ähnlich schon mal in der Hundeschule gehabt hat.
Wenn Menschen derart an die Adoption eines Hundes herangehen, sollte sich eigentlich niemand wundern, wenn es in die Hosen geht.
Denn wer unrealistische Forderungen an ein Lebewesen hat, das er noch gar nicht kennt und das auch noch nicht bei ihm wohnt, der sollte einfach mal darüber nachdenken, wie es ihm in der Rolle des armen kleinen Labiwelpen oder Tierschutzhundes ginge: noch gar nicht richtig da, aber schon eine riesengroße Aufgabe auf dem Buckel.

Aber auch Hundemenschen, die nicht so extrem an ihre Hunde herangehen, tappen oft in die Falle. Ein aktuelles Beispiel soll das verdeutlichen.

Ich sitze im Gespräch mit einer Kundin, deren Welpe die unangenehme Angewohnheit hat, in ihre Hände zu beißen sobald sie sich bewegt: bei der Gartenarbeit in den Beeten oder beim Zusammenrechen von Laub, beim Staubwischen, Blumengießen, Schuhe an- oder ausziehen.... immer. Wir haben schon besprochen, dass sie von Anfang viel zu viel mit ihm gemacht haben, aufregende Dinge wie Ballspielen und Zerren, noch dazu muss er alleine - seit der 12. Woche - im Zwinger schlafen, das ist auf dem Land leider nach wie vor normal.
Aber auch wenn er alleine in der Küche schlafen könnte, wäre das für einen derartig jungen Hund einfach nicht in Ordnung.
Jedenfalls sitzen wir gemütlich auf meinem Hundeplatz und der Kleine schnüffelt rum. Ich bewege mich - und schwupps - schon ist er da und springt mir fast auf den Schoß. Ganz ruhig schiebe ich ihn weg ohne etwas zu sagen oder ihn anzusehen und spreche weiter mit ihr. Das passiert noch zweimal, dann geht er ruhig und friedlich davon, legt sich in die Wiese in unserer Nähe und beißt wieder auf seinem Stöckchen rum.
Ich sage: "Sehen Sie, so einfach geht das, ohne jede Aufregung."
Ihre Antwort: "Ja, schon, aber ich denke, jetzt ist er beleidigt, weil Sie nichts mit ihm machen."

Wir reden hier von einem Welpen von ca. 14 Wochen, der einfach mal nachsieht, ob jemand irgendwas Spannendes macht und sich dann trollt, weil´s doch nicht spannend ist. Es wird also irgendetwas in den Hund hineininterpretiert, was er vielleicht denkt, weil der Mensch denkt, er würde wahrscheinlich auch so denken. wenn er eventuell in einer ähnlichen Situation wäre.
Viel "vielleicht" und viel Konjunktiv - zu Deutsch: kann sein, kann auch nicht sein.
Darauf eine Beziehung zu einem Hund aufbauen zu wollen, auf Mutmaßungen, Interpretationen und Bewertungen ist äußerst wagemutig. Denn was soll dabei rauskommen außer Missverständnisse?

Zunächst ist ein Hund einfach ein Hund, egal ob ein Galgo aus dem spanischen Tierschutz oder ein Pudel vom Züchter.

Und Hunde haben bestimmte Bedürfnisse, die uns in der Regel bekannt sind.

Aber dann ist jeder Hund ein Individuum und man sollte sich genau ansehen, welche konkreten Bedürfnisse dieser spezielle Hund hat.

Da überlebt man dann so manche Überraschung, z.B. den Berner Senn, der sich als wahres Mantrailerwunder entpuppt, oder die Herdenschutzhündin, die Kuscheltiere liebt und im Bett zwischen ihren Menschen schläft, der angeblich hundesüchtige Mischling, der zwar mit allen klar kommt, aber nur mit wenigen Kontakt haben möchte, der Kromfohrländerrüde, der ein genialer Wachhund ist, seinen selbstgewählten Job todernst nimmt und bei seinen Kontrollrunden im Garten nicht gestört werden darf, die Rottihündin aus extremer Schutzdienstlinie, die mit Herzchen über dem Kopf alle Kinder und Welpen adoptieren möchte und den achso menschenfreunlichen Labrador, der am liebsten jeden Besucher an die Wand nageln und fressen möchte...

In jede Richtung ist da was dabei, Dinge, die uns begeistern und solche, die wir nicht gut finden. Wenn wir aber nur Erwartungen haben und nicht darauf achten, was unsere Hunde wirklich wollen, was in ihnen tatsächlich drinsteckt, dann werden wir nicht nur enttäuscht und frustrieren unsere Hunde, sondern wir berauben sie und uns gleichermaßen.
Stellen Sie sich vor, mit diesem hochmotivierten Berner wird eben nicht getrailt, weil Berner sind doch faul und wollen nur rumliegen. Oder die Herdenschutzhündin muß allein in einem Zwinger schlafen, die Rottihündin wird von allem Kleinzeug ferngehalten, der Kromi darf nie aufpassen und bewachen und der Labi muss sich ständig gefallen lassen, dass alle an ihm rumfummeln, weil er genetisch bedingt menschenfreundlich ist....
Nette Vorstellung? Sicher nicht.

Versuchen Sie doch mal folgendes. Beobachten Sie Ihrer Pelznase einfach so, ohne Hintergedanken, ohne Analyse, ohne herausfinden zu wollen, was er jetzt gerade macht. Und lassen Sie sich von Ihrem Gefühl leiten. Vielleicht sehen Sie vollkommen neue Aspekte bei Ihrem Hund. Probieren Sie mal was mit ihm aus, von dem Sie immer dachten, das macht der nie! Vielleicht findet Ihr Leonberger es superlustig, durch enge Reifentunnel zu kriechen oder Ihr angeblich fauler Yorkie fängt an alles möglich zu apportieren. Lassen Sie sich Zeit und vor allem: schauen Sie erst mal zu, fordern Sie nichts, sondern warten Sie einfach ab, was er aus dem macht, was Sie ihm anbieten. Sie werden staunen, was alles in Ihrem Couchpotato drinsteckt!

 

Ute Rott


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Vita

Ute Rott lebt mit ihrem Mann und ihrem Hunden seit 2005 in Metzelthin in der Uckermark. Dort betreibt sie eine Hundeschule und vermietet Ferienwohnungen und Stellplätze für Reisemobile an Menschen mit Hunden. Die Ausbildung zur Hundetrainerin hat sie 2005 bei animal learn in Bernau am Chiemsee erfolgreich abgeschlossen. Sie ist Miglied im Fachkreis Gewaltfreies Hundetraining. Ihre Spezialgebiete sind: gewaltfreies Training zum Grundgehorsam, Verhaltensberatung und Verhaltenstherapie bei auffälligen Hunden, Mantrailing und Ernährung.