Nur ein Ding oder doch mehr?

Autor/Fotos: Daniela Pörtl, April 2018

Beim 3. Rostocker Vierbeinersympsosium referierte Daniela Pörtl über "Das soziale (Überlebens-)Konzept der Natur!"
Sie verwies in ihrem Vortrag unter anderem auf zahlreiche neuere wissenschaftliche Studien, die die Ähnlichkeit von Mensch und Hund beispielsweise in der Ausschüttung von denselben Hormone oder der Aktivierung selber Gehirnregionen belegen und auch nachweisen, dass wir Menschen in Anwesenheit unserer Hunde zufriedener, glücklicher und weniger gestresst sind! Mensch und Hund besitzen die gleichen neurobiologischen Strukturen eines Säugetiergehirns mit den Fähigkeiten zum sozialen Lernen, der Empfindung von Empathie und dem Verstehen, wie der andere denkt! ...


Der schottische Tierfilmer Gordon Buchanan dokumentiert in dem BBC earth Film "Unter Wölfen" von 2016, wie er auf Ellesmere Island in Beziehung mit einem wilden Wolfsrudel tritt und es schafft deren Vertrauen zu gewinnen, sich sogar den Welpen mit Zustimmung des Rudels nähern konnte. Der bekannte und renommierte Wolfsforscher David Mech hat dort bereits zuvor mit einem anderen Rudel 13 Sommer verbracht, ist vom Rudel akzeptiert worden und konnte es sogar auf der Jagd begleiten (s. Der weisse Wolf/ D. Mech)
Diese erstaunliche Beziehung zwischen Mensch und Wolf, dem wilden Vetter unserer Hunde gelang völlig ohne "Leckerchen", ohne "Klickertraining" ohne Diskussion um Dominanz und Trainingsmethoden. Die Kontaktaufnahme und Interaktion von Wolf und Mensch auf Ellesmere Island basierte nur auf sozialer Kontaktaufnahme, welche eine Beziehung, ein gegenseitiges Verstehen und somit Kommunikation bis hin zur individualisierten Bindung ermöglichte. Aus dem "fremden Menschen" wurde der individuelle menschliche Freund genau dieses Wolfsclans. So ähnlich wird es sich auch vor ca 30.000 Jahren zugetragen haben, als die ersten Wolfs- und Menschengruppen sich annäherten, im Sinne des ersten Schrittes der Domestikation vom Wolf zum Hund.

Wolf/Hund und Mensch verstehen sich also ganz natürlich, können kommunizieren, prosozial interagieren und persönliche Bindungen eingehen. Im Rahmen der Hundwerdung perfektionierte der werdende Hund dies noch, unseren heutigen Hunden ist die Prägung auf den Menschen als bevorzugten Sozialpartner bereits bei der Geburt mitgegeben.
Wie kommt es aber nun, dass es uns heute oft so schwer fällt, mit unseren Hunden zu kommunizieren und zu interagieren?
Der Hund bringt alle Fähigkeiten dafür mit und nutzt sie auch. Unsere Hunde beobachten uns genau, wissen genau, wann Herrchen oder Frauchen abgelenkt sind oder sie im Auge haben, wann wir gestresst oder entspannt sind. Unsere Hunde zeigen uns mit ihrer Körpersprache auch immer unverfälscht, wie es ihnen geht. Wir müssten nur hinschauen, unseren Hund, so wie er gerade ist sehen, verstehen und annehmen, emotional richtig auf ihn reagieren.
Aber tun wir das?
Können wir das überhaupt noch?
Nehmen wir unseren Hund und seine eigenen Bedürfnisse überhaupt wahr?
Wie oft passiert es, dass beim Gassigehen ein fremder Hund auf uns und unseren Hund zukommt. Oh, prima, da ist ein Spielkamerad ( oh prima, der Hund kann sich bewegen und spielen, ich muss mich nicht kümmern, auch kein schlechtes Gewissen haben...kann beruhigt ins Handy gucken).
Aber es fehlt hier die Wahrnehmung, wie es unserem Hund dabei geht, wenn wir uns für ein Hundespiel entscheiden.
Hat unser Hund Angst, braucht er vielleicht erstmal unseren Schutz?
Oder ist er zu forsch, müssen wir ihn vielleicht etwas begrenzen, in welcher Stimmung ist der andere Hund?
Damit diese Situation entspannt bleibt, müssen wir also hinsehen, unseren Hund wahrnehmen, seine Kommunikation verstehen und dann sinnvolle Entscheidungen treffen; denn ob gespielt wird, entscheiden letztendlich wir, ob es eine entspannte Situation bleibt, hängt dabei nicht nur von unserem Wollen, sondern vor allem von unserer richtigen Kommunikation mit dem Hund ab. Meistens scheitert es schon daran, dass wir Menschen unseren Hund nicht genau genug wahrnehmen und verstehen... da hilft dann auch kein Leckerchen, höchstens um den schon knurrenden Hund noch kurz vor einer Eskalation "zu ködern".
Auch das Wissen, um die Hundesprache ist leider in den letzten Jahrzehnten verloren gegangen. Früher liefen die Hunde frei durchs Dorf, jedes Kind wusste, wann Bello wie drauf ist. Heute fallen Kinder entweder jedem, auch dem steifen, starrenden Hund um den Hals oder flüchten beim freundlich submissiven Hund schreiend auf die andere Strassenseite.

Der erste Schritt zum gut erzogenen und in die menschliche Gesellschaft integrierten "Vorzeigehund" ist also hinschauen und wahrnehmen, der 2. Schritt ist das Verstehen der Körpersprache, der Mimik und der Lautäußerung des Hundes, erst dann kann überhaupt Kommunikation und damit auch Kooperation stattfinden.
Leider lernt man "Hundesprache" meist nicht in der Hundeschule, leider fehlt auch die Zeit und Geduld für das intuitive Verstehen, was ein sich einlassen auf den Partner Hund bedeutet - und natürlich auch auf sich selbst.
Wenn ich mit jemanden - auch mit meinem Hund - zusammenarbeiten will, muss ich nicht nur den Hund verstehen, sondern auch mich, ich muss mich einlassen, kooperieren, beide müssen aus eigenem Antrieb gemeinsam das gleiche Ziel verfolgen. Das geht nur, wenn ich meinen Hund auch emotional verstehe, wenn beide wissen, wie sich der andere fühlt. Ohne diese emotionale Bindung fehlt die Motivation für die gemeinsame Sache.

Bindung und emotionale Zuwendung ist im Gehirn selbstbelohnend, mehr brauchen wir nicht, um glücklich zu sein.

Unser Hund bietet uns diese Bindung an, er nimmt uns wahr, versteht uns, lässt sich emotional auf uns ein und ist selbst auch echt, authentisch, spielt uns nichts vor. Das sind die Bedingungen für Bindung, Erziehung und gemeinsame Arbeit, dann brauchen wir keine Futterdressur oder Klicker, dann will der Hund mit uns arbeiten, dann freut er sich, für und vor allem mit uns etwas zu machen, dann ist er automatisch ein "Vorzeigehund".
Bindung ist nie einseitig, auch wir müssen wahrnehmen, uns emotional einlassen, emotional echt und authentisch sein.
Wie sieht es jedoch damit bei uns und in unserer menschlichen Gesellschaft aus?

Im letzten Jahrhundert hat mit Wandlung der Industriegesellschaft in eine Konsumgesellschaft eine Verdinglichung stattgefunden, die Devise lautet heute nicht mehr "sein" sondern "haben".
Wir können uns fast alles kaufen, 3 Fernseher, 2 Autos, Arbeitkraft, vermeintlich auch Glück und Liebe. Die Beziehung zu unserem Hund hat sich dadurch verändert, vom Arbeitspartner wurde er zum Begleiter.
Der Hund verfügt weiterhin über die Fähigkeiten eines echten Sozialpartners (das ist es, warum der Hund uns so gut tut). Leider haben wir unsere Hunde ebenfalls verdinglicht, er ist nicht mehr nur unser Hund, sondern wir haben einen Hund, ein Objekt, dass wir kaufen, uns aussuchen und mit Zucht kreieren, so wie wir meinen es uns Menschen gut tut - oft genug vergessen wir dabei, was dem Hund gut tut.
Ein Prestigeobjekt, oft zur narzisstischen Erweiterung unseres Selbst, kann ich weglegen, das Auto in die Garage, den Diamantring in der Schmuckschatulle.
Unser Hund aber lässt sich nicht nach unseren Bedürfnissen an- und abstellen, er hat eigene Bedürfnisse, für die wir als seine "Adoptiveltern" zuständig sind.
Wenn wir aufhören, unseren Hund als Objekt zu sehen, dass wir meinen nach belieben dirigieren zu können, wenn es sein muss mit Futterdressur oder Gewalt, bleibt wieder Raum für Beziehung und Bindung. Bindung, ein gegenseitiges sich Einfühlen in den anderen ist die Basis eines "Vorzeigehundes", dann erst kann gemeinsame erfolgreiche Arbeit beginnen. Denn Bindung schafft Vertrauen und Wohlfühlen, senkt Stress und damit Angst und Aggression.
Die zunehmende Anzahl ängstlicher und aggressiver Hunde sind somit oft ein Zeichen von mangelnder sicherer Bindung und fehlendem Vertrauen. Dies sowohl auf dem Boden der aktuellen Interaktion von Besitzer und Hund aber auch auf dem Boden (epi)genetisch auf "Stress" programmierter Hunde durch schlechte Welpen(auf)zucht (z.B. Wühltischwelpen) und Traumatisierung (z.B. Auslandshunde).
Je ängstlicher und damit auch aggressionsbereiter der Hund ist, desto wichtiger ist der Aufbau einer sicheren Bindung im Verlauf. Vertrauen können Mensch und Hund aber nur, wenn sie sich wahrgenommen und verstanden fühlen. Vertrauen kann man sich erarbeiten, sich schenken aber nie mit Gewalt erzwingen oder mit Futter erpressen. Dann haben wir stumpfe Angst vor der Strafe oder reagieren auf Bestechung durch Belohnung, bleibt dann Strafe oder Belohnung aus, gibt es auch kein gemeinsames Handeln mehr.

Hier zeigt sich die Verdinglichung, in der Bindung muss ich sein, wie ich bin, mich zeigen, mit all meinen Stärken und Schwächen, die ich dann natürlich nicht nur meinem Sozialpartner (ob Mensch oder Hund) zeige, sondern auch mir selbst eingestehen muss, hinter dem "Haben" bei Strafe und Belohnung, bei Zuckerbrot und Peitsche, kann ich mich verstecken - um den Preis, nie das Wohlgefühl glücklicher Bindung zu erleben.

Unser Hund spiegelt uns, wir ihn auch, dass geht intuitiv, aber wir müssen auch hinschauen in den Spiegel, sonst sehen wir nichts und können auch nicht richtig reagieren, wenn wir immer nur mit uns statt mit unserem Hund beschäftigt sind.
Achten Sie mal drauf, meist folgt Ihr Hund gut, aber ausgerechnet heute, wo Sie sowieso schon ärgerlich und spät dran sind, will er so gar nicht folgen... vielleicht liegt es ja gerade nicht am Hund, sondern er spiegelt die gereizte Stimmung seines Menschen.
Das kann uns dazu veranlassen, uns reflektiert zu betrachten und vielleicht dadurch unseren Stress zu relativieren, dann werden wir entspannter und unser Hund folgt wieder gut.
Es gibt auch schlechte Tage, wo der Ärger bleibt, auch das sollten wir an uns erkennen, dann vielleicht den Hund an der Leine lassen. So werden wir für den Hund verlässlich, er wird sich sicher fühlen. Natürlich hat auch unser Hund mal einen schlechten Tag... auch hier heisst es dann, dies zu erkennen und ihn zu schützen, nicht weiter zu stressen. Wenn sich unser Hund so verstanden fühlt, fühlt er sich sicher, kann vertrauen, wird unseren Anweisungen gern folgen... und wird somit ganz automatisch zum "Vorzeigehund".
Natürlich mögen auch Vorzeigehunde gelegentlich eine Belohnung zusätzlich, ob Streicheln oder eine Leckerei - genau wie wir auch!

Daniela Pörtl


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Vita

Daniela Pörtl studierte Humanmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover und arbeitet seitdem als Ärztin im Bereich Neurologie/Psychiatrie. Sie erforscht die Mensch-Hund-Beziehung mit dem Schwerpunkt auf der neurobiologischen Ebene und entwickelte das "Model der aktiven sozialen Domestikation" und referierte hierzu auf mehreren internationalen Kongressen. Sie wohnt mit ihrer Familie und drei Hunden zusammen und ist in ihrer Freizeit aktive Schlittenhundeführerin.

Daniela Pörtl referierte am 17.06.2017 beim 3. VIerbeinersymposium in Rostock zum Thema: "Das soziale (Überlebens-)Konzept der Natur!" und ist auch beim 4. Symposium am 16.06.2018 mit einem Vortrag vertreten!
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