Bonny und Clyde

Autor/Fotos: Andrea Krauskopf, April 2018

In einem Haushalt mit über 10 eigenen Hunden sowie Pflegehunden, die bei Ihr "gesunden" können, hat die Autorin schon vieles gesehen und erlebt. 
Geschlagen, Geschunden, Verstümmelt - viele der Hunde in ihrer Obhut erfahren häufig zum aller ersten Mal Respekt und was es bedeutet, geliebt zu werden!

Diese Hunde sind alles andere als Vorzeigehunde, so wie unsere Gesellschaft sich einen solchen vorstellt ... und doch geben sie den Menschen so viel mehr!

Beinahe jeder, der sich einen Hund in sein Heim und in sein Leben holt verknüpft damit bestimmte Vorstellungen.
Die einen erhoffen sich für die nächsten Jahre einen bedingungslosen Freund an ihrer Seite, die anderen einen zukünftigen Champion, der ihnen den Weg in einen elitären Hundeclub sichert und wieder andere erwarten sich Dankbarkeit, weil sie sich für einen Hund aus dem Tierschutz entschieden haben.

So unterschiedlich die Beweggründe auch sein mögen, so erhoffen wir uns doch alle eine "Verbesserung" und malen uns die gemeinsame Zukunft in rosaroten Farben aus.
Habe ich anstelle eines Hundes eine schöne antike Vase erworben, ist die Sache viel einfacher. Ich stelle sie an den dafür vorgesehenen Platz, lasse sie von meinen Freunden bewundern und erfreue mich auch selbst an ihr. Und wenn sich nach einiger Zeit dieses "Ahhhhh"- Erlebnis nicht mehr einstellt, oder der gekaufte Blumenstrauß einfach zu groß für sie ist, packe ich sie wieder weg und tausche sie gegen eine Neue.

Was aber tun, wenn der erworbene Hund so ganz und gar nicht unseren Vorstellungen entspricht. Was wenn aus dem erhofften Vorzeigen ein Verstecken wird. Wenn aus dem 3.000 Euro Welpen kein Champion geworden ist und der vermeintlich dankbare Tierschutzhund zum Leinenpöbler mutiert. Den Hund, als Lebewesen, wegpacken, unsere Tierheime sind voll mit solch unerwünschten „Versagern“.
Oder doch lieber zum Hundetrainer, die gibt es ja zwischenzeitlich wie Sand am Meer, denn vielleicht ist noch nicht alle Hoffnung verloren und man kann den Sturkopf doch noch hinbiegen.

Und während ich mir den nächsten Satz für diesen Artikel hier überlege, machen sich Bonnie und Clyde, unsere beiden rumänischen Streuner, auf den Weg in die Küche. Sie tragen ihre Namen nicht umsonst! Zum gefühlten 10. Mal renne ich hinterher, um den Mülleimer vor ihnen in Sicherheit zu bringen. „Verschließbaren Mülleimer kaufen“, setze ich dabei auf meine geistige To-do-Liste.
Von wegen Vorzeigehunde!

Und als ob Bonnie mir eine Antwort geben würde, drückt sie sich, die Straßenhündin, die Menschen noch nie etwas Gutes abgewinnen konnte, an mein Bein, und legt mir den Kopf in den Schoß.
Wir haben uns hier einfach arrangiert.
Wir haben sie in unser Haus gelassen und sie uns in ihr Leben.
Statt Vorzeigehunde zu sein, erwärmen sie mein Herz und bringen mich täglich aufs Neue zum Schmunzeln …. und sie haben mich gelehrt mehr Ordnung zu halten.
Mittlerweile sind Handfüttern und Streicheln, inkl. Massage nicht nur geduldet, sondern auch ausdrücklich erwünscht. Halsband, Geschirr und Leine stehen immer noch auf ihrer roten Liste, aber was soll´s, „Gut Ding braucht eben Weile“ und Geduld haben mich die beiden wirklich gelehrt.

Zuhören sollte man, nicht wegtrainieren.

Bessere Sparringspartner hätte ich mir nicht wünschen können. Manchmal wird der Lehrer zum Schüler, nur so entwickelt man sich weiter.

Wenn Bonny meine Sachen heimlich nimmt und in ihrem Körbchen fein säuberlich sammelt als ihren Schatz, habe ich so viel mehr als einen Vorzeigehund. Ich nehme es als Ehre, denn nur Sachen von geliebten Menschen holt man sich ins Bett, oder hat schon jemand von euch daran gedacht sich die Socken seines Chefs auf das Kopfkissen zu legen?

Ich stelle mir Bonny und Clyde in einer anderen Familie vor, die alles richtig machen will und erwartet, dass es klappt, mit den Hunden zum Vorzeigen. Alle wollen helfen, geben Tipps, Bücher werden gewälzt, Experten hinzugezogen.
Man will sie der Welt präsentieren, die Geretteten, die Dankbaren, aus Überlebenskünstlern werden Kuscheltiere … jegliches Verhalten würde in eine Schablone gepresst, jegliche Eigenständigkeit im Keim erstickt, dass Sammeln der Sachen gar fehlinterpretiert als Dominanzgeste oder was auch immer.

Zu oft habe ich es schon gesehen. Ob das Verhalten unserer Tiere jetzt gut oder schlecht ist, ob das Glas halb voll oder halb leer ist, liegt im Auge des Betrachters. In unseren Augen also.
Werden die gesetzten Erwartungen, beeinflusst durch Nachbarn, Medien und diverse Trainer, nicht erfüllt, ist Frust die logische Folge. Ärger, oft gefolgt von Aggression, die der Mensch dann an den Hunden auslebt, weil sie ja so gar nicht funktionieren.
Der Hund, wiederum, der nur den Ärger spürt wird noch mehr verunsichert, sein Verhalten für uns Menschen noch ärgerlicher.
Eine Spirale kommt in Gang, die kaum mehr selbst durchbrochen werden kann.
Dabei wäre es doch so einfach: den Blickwinkel nur ein wenig verrücken, die Erwartungen nur etwas runter schrauben und plötzlich ändert sich die Gleichung und das Erreichte erscheint in einem völlig neuen Licht.
Sehen wir doch unsere Hunde einmal als eigenständige Lebewesen, die nicht nur dazu da sind uns unsere Wünsche zu erfüllen.
Hören wir doch auf uns über ihre Leistungen zu definieren.
Seien wir doch stolz auf uns selbst und unsere selbst erbrachten Leistungen.
Erst wenn wir uns selbst und unseren Hunden keinen Druck mehr auferlegen, das Umfeld Umfeld sein lassen und das Spötteln der anderen „wissenden“ Halter belächeln können, erst dann sind wir in der Lage den Hunden die Liebe zu schenken, die sie wirklich verdienen. Eine Liebe, die nicht an (Vorzeige)Bedingungen geknüpft ist, sondern eine, die einfach da ist.

Denn auch Hunde knüpfen ihre Zuneigung und Treue an keine Bedingungen, sie nehmen uns so wie wir sind - ob vorzeigbar oder nicht.

Andrea Krauskopf


Den Traum vom eigenen Hund konnte sie sich erst im Erwachsenenalter erfüllen. Dass dann gleich drei Welpen aus dem örtlichen Tierheim bei ihr einzogen war wohl Schicksal.
Seit jener Zeit teilt sie sich, zusammen mit ihrem Lebensgefährten nicht nur Haus und Garten in der Nähe von Wien/Österreich, sondern das gesamte Leben mit mehr als 10 Hunden. Unzählige, oft als nicht vermittelbar geltende oder kranke, ja auch zum Tode verurteilte Hunde aus dem Tierschutz durften sie ein Stück oder den Rest ihres Weges begleiten. Als ausgebildeter körpersprachlich orientierter, ganzheitlicher Tiercoach nach P.&R ist es ihr erklärtes Ziel, Menschen und ihre Hunde einander näher zu bringen, das Verständnis für ihre gegenseitigen Bedürfnisse zu fördern und so den Weg zu einer harmonischen Beziehung zu ebnen.