Dem ist langweilig

Autorin: Ute Rott, 14.04.2017 Fotos: Kathrin RIchter, Ute Rott

Von Rüpeln, die Trainerkollegen dazu gemacht haben


Erstgespräch mit Rüpel

Es ist wieder so weit - ich muß was loswerden.
Der Grund: Erstgespräch mit einer Familie, der Rüde ist ca. ein Jahr alt und gehört einer lebhaften, aktiven Rasse an, Lebendgewicht ohne ein Gramm Fett ca. 35 Kilo. Der Hund kommt rein, sein Herrchen kann sich kaum auf den Beinen halten, so extrem zieht er. Die Leine kommt ab: er springt mich an wie irre, hopst um mich rum, zerrt an meiner Jacke.... nicht lustig.
Ich mache ihm klar, daß ich das nicht möchte, seinen Menschen verstehen Gott sei Dank sehr schnell, daß sie dazwischen gehen und ihn abblocken sollen. Lauter Sachen, die ich auch nicht lustig finde, aber sonst ist meine Jacke Schrott und ich liege auf dem Hintern und wir erreichen nichts. Zu meinem Glück findet er die Vögel im Gebüsch noch interessanter als mich, vor allem wenn sie auffliegen. Dann springt er mit allen Vieren gleichzeitig in die Luft und kriegt sich kaum noch ein, weil blöderweise der Zaun ihn am Hinterherrennen hindert. Nach einer aufregenden Runde um den Hundeplatz - zweimal wird ein zunehmend dünnerer Haufen abgelegt -, bei der er nur rennt, rennt, rennt mit kurzen Stopps bei mir, um mich wieder anzuspringen, und bei den Büschen, um die Vögel aufzujagen, leinen wir ihn an und gehen in den Besprechungsraum.

Er zerrt und zieht - eine wahre Freude. Im Besprechungsraum findet er auch keine Ruhe, er rennt um den Tisch, schnüffelt hier und da, versucht, das Regal mit den Spielsachen auszuleeren, Blumenuntersetzer zu schrotten.... irgendwann gibt er sich mit einem Zottel zufrieden, den er gerne zerlegen darf. Nach über einer Stunde im Besprechungsraum legt er sich vollkommen erschöpft hin - ca. 10 Sekunden. Springt wieder auf, legt sich hin. Der Zottel wird wie wild rumgeschleudert. Von Entspannung kann keine Rede sein. Auch nicht für mich oder seine Menschen.

Was ist mit diesem Hund los?

Laut den vorhergehenden drei (!) Trainerinnen, ist er nicht ausgelastet und ihm ist langweilig. Also wird mit ihm jeden Tag mindestens 20, eher 30 Minuten gespielt. Was? Na logisch: Wurfspiele. Kong, alternativ Ball wegwerfen, wiederbringen, Würstchen kassieren, wegwerfen, wiederbringen........ usw. Dann noch mindestens eine Runde mit Suchspielen - immerhin muß er dabei denken! Und weil er ja so ein aktiver Hund ist, wurde mit ihm bereits ab Welpenalter täglich mindestens eine Stunde spazierengegangen - natürlich so wie Menschen das wollen. Nicht etwa langsam und mit viel schnüffeln. Himmel! Nein! Dann bestimmt er ja, wo´s hingeht............. Sondern eine Stunde stramm in flottem Tempo: wird ja ein großer, kräftiger Hund, der braucht Bewegung.

Das ist jetzt vorbei, weil er so zieht.

Selbst sein großes kräftiges Herrchen hat Probleme. Mit diesem Hund will niemand mehr spazieren gehen.
Hundeschule lief u.a. so ab: die anderen Welpen machten Übungen, er sollte zusehen, dann spazierengehen, einfach so.
Oder: Einzelstunden mit sitz, platz, fuß, bleib, sitz, platz, fuß, bleib....
Sozialkontakt? Fehlanzeige. Geht ja nicht, er ist ja so stürmisch, das hält ja keiner aus. Und solange er nicht "auf euch fixiert ist", geht das sowieso nicht.
Was bedeutet das? Logisch! Dauerhafter Blickkontakt. Ach ja, er wurde auch mit acht Wochen abgegeben, weil das macht man heute so. Ist wahrscheinlich besser für die Bindung.

So, es reicht. Natürlich können die Menschen nichts dafür. Aber ich frage mich allen Ernstes, was im Kopf von drei (3!!!) Kolleginnen vorgeht, die nicht mal in der Lage sind, wenigstens sowas wie: "ich gehe mit einem Welpen max. 5 Minuten pro Lebensmonat spazieren, Wurfspiele fördern das Jagdverhalten und sind außerdem schlecht für die Gelenke, Sozialkontakt muß langsam und freundlich aufgebaut werden" Welpenbesitzern nahe zu bringen. Wie kann man "Langweile" diagnostizieren, wenn ein Hund vor lauter Stress nicht mehr in der Lage ist, sich auch nur fünf Minuten ruhig zu halten? Dem armen Kerl spritzt das Adrenalin schon aus allen Poren, er ist ein einziger Schrei um Hilfe. Wenn er nicht bespaßt wird, springt er seine Leute an, nervt, beißt in den Arm.... tja warum wohl? Weil ihm langweilig ist? Hunden ist nicht langweilig, genauso wenig wie Kindern - außer man bringt es ihnen bei. Und es wäre mehr als begrüßenswert, wenn wenigstens Kolleginnen, die behaupten gewaltfrei zu arbeiten und auch entsprechende Ausbildungsstätten auf ihren Websiten angeben, solchen Unfug sein lassen würden. Wer dauerhaften Blickkontakt verlangt, der hat schlicht keine Ahnung von Kommunikation mit Hunden, und aufgrund von Rassezugehörigkeit zu behaupten, ein Hund wäre unterfordert, wenn man ihn nicht permanent bespaßt, läßt schon schwer an den Qualifikationen zweifeln.

Aber wie macht man's richtig?

Irgendwie muß man sich doch mit seinem Welpen oder Junghund beschäftigen? Die ersten zwei bis drei Wochen ist jeder Welpe, wenn er von seiner Mutter wegkommt und in einem fremden Zuhause einzieht, schlicht und ergreifend damit beschäftigt, seine neue Umgebung kennen zu lernen. Neue Menschen, neues Haus, neuer Garten, neuer Ort, neue Nachbarn, andere Regeln und Gewohnheiten, vielleicht auch anderes Futter, vielleicht sind Katzen da, Kinder..... das ist eine ganze Menge, was der Kleine da verarbeiten muß. Dazu kommt bei einigen noch der Trennungsschmerz, auch wenn der relativ schnell vorüber geht.
Manche meiner Kunden kommen zum ersten Termin nach dem Erstgespräch und erzählen mir, dass sie danach fix und fertig waren. So viel Neues, so viele Informationen, die sie erst mal verarbeiten mussten, und dann die Konzentration, man will ja nix verpassen. Dafür habe ich volles Verständnis. Aber für einen Welpen ist das noch viel extremer. Denn der macht das alles nicht freiwillig: weder den Wechsel von der Mama ins neue Zuhause, noch den Besuch in der Hundeschule, noch die Treffs auf der Hundewiese, noch irgendwelche Spaziergänge.....

Der braucht erstmal einfach nur Zeit, Ruhe und viel Geduld, Geduld, Geduld und noch mehr Geduld.

Das bedeutet, dass man ihn in aller Ruhe sein neues Heim erkunden lässt, man ist immer zur Stelle, damit er bei seinem Menschen Schutz suchen kann, und sorgt dafür, dass er Haus und Garten und die nähere Umgebung gut beschützt peu à peu kennenlernt. Das kann bedeuten, dass wir die erste Woche kaum den Garten verlassen, sondern uns tatsächlich nur in Haus und Hof aufhalten. Dann gehen wir mal raus auf die Straße und dort sehen wir uns in aller Ruhe die nähere Umgebung unseres Hauses an. Das muß nicht länger dauern als 10 Minuten.
Eine Freundin von mir ging die ersten Wochen mit ihrem Hund immer zum "Spazierenstehen".
Er stand an der Straße und betrachtete fasziniert die Autos, die vorbeifuhren. Dann braucht so ein Kind viel Schlaf und Ruhe. Manch ein Welpe verpennt täglich 18 Stunden. Das ist genau richtig. In seiner wachen Zeit läuft er einfach seinem Menschen hinterher. Schließlich muß er ja lernen, wie alles so läuft, wo was passiert.... das ist viel, unterschätzen Sie das nicht. Wenn man dann zwischen drin Leinenführigkeit übt, ein paar Abrufübungen und hin und wieder kurze Suchspiele macht, hat man genug getan. Und wie übt man Leinenführigkeit? Ganz einfach: die Leine ist solange, dass der kleine Kerl sich frei bewegen, es wird an der Leine nicht geruckt - auch nicht manchmal - man geht langsam, lässt ihm Zeit....

Und Abrufen? Das machen Sie doch sowieso. Sie rufen ihn mit einem freundlichen Signal zu sich, loben und belohnen ihn - fertig.
Was ich nie verstehen werde: warum bringen es so viele Leute nicht fertig, einfach mal ihrem Hund zuzusehen? Das ist wunderschön. Egal, wie alt ein Hund ist, es ist einfach spannend, was sie interessiert: ein Grashalm, ein Stein, der faszinierend riecht, ein Gebüsch, in das man mal kurz kriechen kann, ein Blatt, hinter dem Welpie herhopst, ein Vogel am Himmel, eine Hummel in einer Blume - alles wird bestaunt. Was macht er, wenn er einen Hund, eine Katze, ein Pferd sieht? Wie nähert er sich Menschen? Womit hat er ein Problem? Mit dem Gartenzwerg im Nachbarsgarten oder mit der Mülltonne vor der Tür? Was findet er schön? Mit seinem Menschen auf einer Wiese sitzen und alles in Ruhe erkunden? Nur zu, dass ist wunderbar.

Wer hat da noch Zeit, Bälle zu schleudern?

Oder andersrum: wann soll er das alles machen, wenn Sie ihn nur bespaßen? Und wenn er das alles kennt, wenn wir ein freundliches Alltagsmiteinander aufgebaut haben, wenn er weiß, dass wir immer für ihn da sind und ihn gut durch die Welt bringen, wenn wir seine Intelligenz, Konzentrationsfähigkeit und Geduld zum Beispiel mit Suchspielen gefördert haben, wenn er mit Hunden gut klar kommt, dann geht wahrlich die Welt nicht unter, wenn wir ihm mal einen Ball werfen - nur ist das dann meistens gar nicht mehr interessant.

 

Ute Rott


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Vita

Ute Rott lebt mit ihrem Mann und ihrem Hunden seit 2005 in Metzelthin in der Uckermark. Dort betreibt sie eine Hundeschule und vermietet Ferienwohnungen und Stellplätze für Reisemobile an Menschen mit Hunden. Die Ausbildung zur Hundetrainerin hat sie 2005 bei animal learn in Bernau am Chiemsee erfolgreich abgeschlossen. Sie ist Miglied im Fachkreis Gewaltfreies Hundetraining. Ihre Spezialgebiete sind: gewaltfreies Training zum Grundgehorsam, Verhaltensberatung und Verhaltenstherapie bei auffälligen Hunden, Mantrailing und Ernährung.