Geschäft Qualzucht

Autor/Fotos: Christoph Jung, 14.04.2017

PETWATCH - in einem Blogbeitrag schrieb Christoph Jung im März 2016:
Der älteste, wichtigste und größte Rassehundeverband der Welt, der britische "The Kennel Club" hat Ende Februar 2016 seinen Bericht über die Gesundheit der Rassehunde veröffentlicht. Er basiert auf den Zahlen für 2014 und ist der zweite nach 2004. Wir können also die Zahlen vergleichen - sofern für eine Hunderasse überhaupt ausreichend Zahlen vorgelegt werden. Die erste erschreckende Bilanz: Von 2004 auf 2014 hat die durchschnittliche Lebenserwartung der Rassehunde um 11% abgenommen Statt einer Lebenserwartung von 11 Jahren und 3 Monaten hat ein Rassehund heute nur noch 10 Jahre zu leben. ...


Die Rassehundzucht steht auch 2017 nicht besser da!

Heute kann sich jeder mit ein paar Klicks informieren. Selbst wer nur kurz ins Internet reinschaut erfährt, wie es um die Gesundheit von Mops, Bully & Co. bestellt ist. Man muss schon aktiv wegschauen, um nicht von schweren Atemproblemen, juckenden Falten, glubschigen Augen oder Keilwirbeln Kenntnis zu nehmen. Warnungen vor Hundehändlern sind unübersehbar.

Trotzdem erleben die brachyzephalen Hunderassen in den letzten Jahren einen Boom. Und mit ihnen die Kliniken, die von der Reparatur der Qualzuchtopfer leben. Die Lebenserwartung eines Bulldogs liegt bei 5-6, eines französischen Bullys bei 9 Jahren; so Daten des britischen Kennel Clubs. Die Missstände in der Zucht nehmen den Hunden locker 5 Jahre ihrer Lebenserwartung. Es sind aber keineswegs nur solche Hunde, die unter uns Menschen leiden mussen.
Jeder zweite Dobermann erkrankt an einer meist schweren, aber vermeidbaren Erbkrankheit


Mitten in Deutschland praktiziert der weltweit führende Dobermann-Verein.

Er züchtet seit Jahren wissentlich mit einer erblich bedingten, meist tödlichen Herzkrankheit, der Dilatativen Kardiomyopathie. Dabei sitzen einen Steinwurf vom Vereinssitz entfernt international führende Kardiologen auf diesem Gebiet. Das Team um Dr. Wess von der LMU-München hat in umfangreichen Studien nachgewiesen, dass jeder zweite Dobermann die Krankheit im Laufe des Lebens entwickelt. Den Dobermann-Verein schert das nicht. Und er stellt in seiner Ignoranz keine Ausnahme dar.

Nach Schätzungen des Autors ist das Leid, das durch wissentliche Zucht mit Carriern schwerer Erbkrankheiten erzeugt wird, noch gravierender als die evidenten Leiden durch extreme Übertreibungen einzelner Merkmale, durch Gigantismus oder Zwergenwuchs.
Selbst bei Arbeitshunderassen wie dem g Sibirian Husky sehen wir die Optimierung auf kurze Sprints, die Gebäude wie Thermoregulation aus dem Ruder bringt. Hinzu kommt noch die chronische Inzucht in weiten Teilen der Rassehundezucht.

Das Tierschutzgesetz als totes Recht

Die Öffentlichkeit schweigt. Der Staat schaut weg. Nach Kenntnis des Autors gibt es keine Verurteilung eines Hundezüchters oder Zuchtvereins wegen dieser systemischen Missstände, die man als organisierte Tierquälerei bezeichnen kann, ja muss. Hie und da werden Züchter auf Schadensersatz gegenüber einzelnen Käufern verurteilt, aber immer nur im Einzelfall.
Die Zuchtvereine bleiben völlig unbehelligt, das Zuchtsystem wird aus der Verantwortung genommen. Dabei sind die Probleme spätestens seit 1999 in Berlin aktenkundig. Im von der Bundesregierung beauftragten Qualzuchtgutachten werden alle wesentlichen Missstände bereits benannt. Aber sie werden bis heute in der züchterischen wie juristischen Praxis ignoriert. Eine Umsetzung dieses Gutachtens würde allerdings eine einschneidende Wende zugunsten des Wohls der Heimtiere bedeuten.

Jeder kann einen Zuchtverein gründen

In Deutschland ist das Zucht- und Handelsgeschehen rund um den Hund unreguliert. Es gibt lediglich Vorschriften für Zwingergrößen, Mindestalter im internationalen Welpenhandel oder die Maßgaben des Tierschutzgesetzes. Ansonsten kann jeder einen Hundezuchtverein gründen und nach seinem Gusto Hunde vermehren.
So gibt es in Deutschland alleine zwei Dutzend Verbände, die den Anspruch erheben, internationaler oder gar Welthundezuchtverband zu sein. Solche "Zuchtverbände" kann man als Dienstleister für unseriöse Züchter ansprechen, um mit schmuckvollen Championaten und "Papieren" die Welpenkäufer zu beeindrucken.

Eine Gurke wird strenger kontrolliert als die Hundezucht

Der EU mag man vieles vorwerfen können, mangelnden Regulierungseifer jedoch nicht. Bei der Hundezucht ist das anders. Während Form, Farbe und Größe eines Apfels oder einer Tomate in seitenlangen Pamphleten bis ins Detail reguliert sind, finden wir zur Hundezucht: Nichts. Per Reformen in einzelnen Verbänden wird eine Wende in der Hundezucht kaum durchsetzbar sein. Käufer gibt es für billigere Welpen immer. Wahrscheinlich würde nur der EU-weite Hundehandel ausgeweitet, der bereits heute etwa die Hälfte des Marktes bedient. Es bedarf daher einer gesetzlichen Festlegung der Mindeststandards in der Zucht samt praktikabler Bestimmungen zu deren strafbewehrten Durchsetzung, ein EU-weites Heimtierzuchtgesetz.

Der Markt steht gegen das Wohl der Hunde

Warum wird es nicht gemacht, obwohl Vorschläge für ein solches Gesetz seit Jahren auf dem Tisch liegen? Es gibt überaus mächtige Interessengruppen dagegen. Die Agrar- und Nahrungsmittellobby, zu deren Töchter die führenden Heimtierfutter-Marken zählen, hat kein Interesse an einer verschärften Tierschutzgesetzgebung, jedoch großen Einfluss in Brüssel und Berlin. Das System der industriellen Fleischproduktion soll nicht angetastet werden. Zudem könnte der Bestand an Hunden zurückgehen, wenn die Zucht anspruchsvoller und damit die Anschaffungskosten höher würden. Für die Petfood-Töchter würde der Markt kleiner. Das würde auch die Kleintier-Veterinäre und die Vetpharmabranche treffen. Auch sie profitieren rein ökonomisch gesehen an diesem unregulierten Markt zulasten der Hunde. Etliche Kleintierpraxen oder Kliniken wären in ihrer wirtschaftlichen Existenz gefährdet.

Der gesunde Hund hat keine Lobby.

Alle Anbieter im 5 Milliarden Hundemarkt profitieren an uns extrem kranken Freund. Der Hund ist unser bester Freund. Heute ist wissenschaftlich belegt, dass er unserer Psyche und Gesundheit gut tut. Seit der Steinzeit ist er Teil unserer Evolution und vielleicht auch ein stückweit Teil unserer Identität. Er hat es verdient, dass wir für ihn sorgen, eben wie für einen besten Freund.

Christoph Jung


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Vita

Christoph Jung ist Diplom-Psychologe. Er studierte Biologie und Psychologie in Bonn bei Reinhold Bergler, dem Begründer der deutschen Forschung zur Mensch-Tier-Beziehung. In einer Reihe von öffentlichen Gremien trat er für eine Wende in der Hundezucht ein. Zusammen mit Daniela Pörtl hat er 2015 das Buch "Tierisch beste Freunde: Mensch und Hund - von Streicheln, Stress und Oxytocin" veröffentlicht, das mit einem interdisziplinären Ansatz die Co-Evolution und die Gesetzmäßigkeiten dieser einmaligen, so wundervollen Beziehung erforscht.

Christoph Jung referiert am 17.06.2017 beim 3. VIerbeinersymposium in Rostock zum Thema: "Wie und warum fanden Mensch und Wolf zusammen!"
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